DER SCHNEIDER

 

Meine Lieblingsschneiderin - von mir auch liebevoll "geniale Zauberin" genannt - wird während ihres Urlaubs von einem Herrn vertreten. Mein Kleidungsstück, das schon etwas älter ist, aber durch meine geistreiche Änderungsidee wieder neuen Glanz erhalten soll, wird kritisch beäugt. Nachdem ich laissez-faire meine Vision äußere und unbewusst das Wort "einfach" in den Mund nehme, bekomme ich die volle Breitseite: "Das ist nicht einfach - das muss komplett umgearbeitet werden". Ich lasse das Kleidungsstück irritiert zurück und ziehe von dannen. Das Gefühl, was zurückbleibt, ist eine Mischung aus SCHAM "der denkt bestimmt ich habe keine Ahnung, wie aufwendig so eine Umarbeitung ist" und WUT "warum werde ich eigentlich angeblafft - ich bin doch schließlich Kundin und bringe auch noch Geld mit...?"

 

Ein paar Tage später denke ich erneut an die Situation und erinnere mich wieder an das koddrige Gefühl, was der Schneider bei mir hinterlassen hat. Eigentlich habe ich vor ihm zu sagen, dass ich sein Benehmen unmöglich finde. Dann erinnere ich mich, dass wir unsere Schotten in der Regel dicht machen, wenn wir gemaßregelt werden.

 

Ich entschließe mich also die mediative Brille aufzusetzen - kann ich ja schließlich jederzeit wieder abnehmen (lach): Während der Schneider mein "Haute Couture Teilchen" einpackt, frage ich ihn aus welchem Land er kommt. Es entwickelt sich ein Gespräch - er erzählt mir, dass er im Iran geboren ist und seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt. Und dass er mal einen großen Fertigungs-Betrieb mit 40 Mitarbeitern geleitet und irgendwann alles verloren hat. Ich bin gerührt. Denn jetzt erst spüre ich, dass er sich selbst sehr klein fühlt als "nur Urlaubsvertretung" in einer 1-Mann-Schneiderei. Klar, noch lange kein Grund unfreundlich zu sein. Aber doch sehr menschlich "gesehen werden zu wollen", oder? 

 

Erkenntnis: Durch interessiertes Nachfragen hatte ich die Möglichkeit mich in die Situation des Schneiders hinein zu fühlen und war in der Lage Verständnis und Empathie für ihn aufzubringen.